| Tomar: Im Nervenzentrum der Welteroberung
"Es war 1160 zur Regierungszeit des Königs Dom Afonso
Henriques von Portugal: Gualdim Pais, Meister der Templer, begann
mit seinen Rittern am ersten Tag des März mit dem Bau dieses
Kastells, das der König Gott und den Tempelrittern genehmigt hat",
lautete eine Inschrift in dem festungsgleichen Kloster. Wie ein in
den Krieg ziehendes Schlachtroß hat es sich der Berghöhe über der
Stadt Tomar bemächtigt. Bauherren waren die Tempelritter, ein
reicher Waffenorden, der den von Fluß und Hügel geschützten Ort im
12. Jahrhundert zu seinem Sitz machte.
Die Grenze zwischen Abendland und Morgenland verlief damals in
Westeuropa, mitten durch die Iberische Halbinsel. Nachdem im Zuge
der Rückeroberung der von Mauren besetzten Gebiete 1064 Coimbra
wieder in christliche Hand gelangt war, bildete der Fluss Mondego
die Grenze. Knapp ein Jahrhundert später hatte sich die
Verteidigungslinie zwischen Kreuz und Halbmond zum Tejo verschoben.
Um den Mondego zu sichern und sich für die Kriegshilfe bei der
Eroberung von Santarém dankbar zu erweisen, stiftete Portugals König
den am Fluss Nabão strategisch günstig gelegenen Bauplatz dem
religiösen Militärorden für eine Ritterburg mit Kloster.
In dessen Mauern zog eine Gesellschaft von Männern ein, die ihre
vornehmste Aufgabe in der Verbreitung des katholischen Glaubens und
der Verteidigung der portugiesischen Unabhängigkeit sahen. Sie
nannten sich in der Tradition der Kreuzritter "die besten der
Besten". Zum portugiesischen Königshaus bestand eine enge
Verbindung, die nicht selten in der Personalunion von König und
Ordensgroßmeister zum Ausdruck kam. Ungewöhnliche Privilegien,
umfangreiche Schenkungen und geschickte Finanzpolitik verwandelten
den Orden schnell in eine mächtige, unabhängige Institution. Als der
Papst 1312 den ihm zu mächtig gewordenen Templerorden auflöste,
sollte dessen gesamter Besitz an Rom fallen. Dinis I. umschiffte die
päpstliche Weisung, indem er den Orden umbenannte und unter
königliches Patronat stellte. Sechs Jahre nach dem päpstlichen Bann
gegen die Templer residierten sie unter neuem Namen, als
"Christusritter", im Kloster zu Tomar. Ihr bekanntester Großmeister
war im 15. Jahrhundert Heinrich der Seefahrer, der Portugals
maritime Expansion organisierte und aus den Ordenskassen
finanzierte. Der Christuskonvent wurde zum Nervenzentrum der
Welteroberung. Die Karavellen von Vasco da Gama, Bartolomeu Dias und
Pedro Álvares Cabral, die im Auftrag von Krone, Kreuz und Kapital in
einem Jahrhundert vier Kontinente eroberten, segelten alle unter dem
roten Kreuz der Christusritter. Die Investitionen münzten sich in
unermessliche Reichtümer in Form von Gewürzen, Gold und Sklaven um.
Die kriegerischen Absichten des Ordens konnten kaum deutlicher in
Szene gesetzt werden als mit diesem steinernen Monstrum über Tomar.
Der Christuskonvent ist das größte Kloster Portugals, an dem noch im
17. Jahrhundert gebaut wurde, als der Orden längst ein Mönchsorden
war. Aus der Gründerzeit stammen Reste der Wehrfestung mit doppeltem
Mauerring. Den Kern der Anlage bildet ein gewaltiger, 16-eckiger
Rundbau. Durch ein reich bearbeitetes Portal aus der manuelinischen
Bauphase im 16. Jahrhundert gelangt man in die alte Templerkirche,
die vermutlich sogar einen Zugang für Pferde hatte, und die
achteckige Charola, das eigentliche Sanktuarium der Templer. An
diesen Komplex schließen die manuelinische Christusritterkirche und
insgesamt sieben Kreuzgänge an. An der Außenseite des Kapitelsaals
wurde das berühmte Fenster von Tomar ("Janela de Tomar") eingesetzt,
Musterbeispiel des manuelinischen Baustils, der nach König Manuel I.
benannt ist, der während Portugals Goldenem Zeitalter der maritimen
Expansion regierte. Dickes Takelwerk umrankt das Fenster,
verschlungen, geknotet und mit Seetang bewachsen. Meeresgetier wie
Muscheln und Korallen sind detailverliebt in den Stein gearbeitet,
auch die Armillarsphäre, astronomisches Messgerät und Symbol der
Entdeckungen, fehlt nicht. Über allem prangen vereint das Wappen des
Königshauses und das Kreuz der Christusritter.
Quelle: wissen.de, Beate Schümann |