02 - Die Machtpolitik

Geschichte 02 Machtpolitik des Ordens

Im 12. Jahrhundert sahen sich kirchliche Autoritäten in zunehmendem Maße wachsender Kritik ausgesetzt. Die Bevölkerung beobachtete teils mit Argwohn, teils mit Abscheu, dass nicht wenige Kleriker in Reichtum schwelgten und sich einem Luxusleben hingaben, das zum oftmals ärmlichen Leben der sonstigen Bevölkerung in krassem Widerspruch stand. Die Kleriker, dieser Eindruck entstand, predigten ihren Schäflein Wasser und tranken selbst Wein.

Der Ritterstand hatte einen mehr als schlechten Ruf. Die weltliche wie die kirchliche Obrigkeiten wussten beide nicht so recht, welche Gesinnung die kampferprobten Männer hatten. Waren sie überhaupt einem bestimmten Lager zuzuordnen? Konnte sich die Obrigkeit auf sie verlassen? Bernhard von Clairvaux hatte da erhebliche Zweifel. 1095 äußerte er sich abfällig, bezeichnete die Ritter als „ungläubige Schurken, blasphemische Plünderer, Mörder, Eidbrüchige und Ehebrecher“. Zweifelsohne gab es da ein gefährliches, unkalkulierbares Gewaltpotenzial. Die Mächtigen des 11. und 12. Jahrhunderts spielten verschiedene Szenarien durch. Was würde geschehen, wenn es zu einem Aufstand kommen sollte? Wenn sich die Bevölkerung gegen Klerus und Staat erheben würde? Und wenn dann gar die Ritter aus kaltem Gewinnstreben den Aufstand unterstützen würde?

Es gab nur eine praktikable Lösung: Die Ritter mussten eine Aufgabe erhalten, die geeignet war, ihre Kräfte zu binden. Da eigneten sich die Kreuzzüge in idealer Weise. Die gefürchteten Haudegen sollten zusätzlich noch so organisiert werden, dass sie auch gut kontrolliert werden konnten. Da bot sich ein Orden an. Freilich musste eine Ausnahmeregelung geschaffen werden: Während sonst Ordensbruderschaften ein striktes Verbot, Waffen zu tragen auferlegt wurden, so sollte es Hauptmerkmal der Tempelritter sein, dass sie bewehrt waren. Damit nicht genug: Obwohl Mitglieder eines christlichen Ordens, bekamen die Templer die Lizenz zum Töten! Sie bekamen den zweifelhaften Ehrentitel „Scharfrichter Christi“ und waren als solche von der Sünde des Tötens freigesprochen.

Papst Innozenz II. (Pontifikat 1130-1134) plante gezielt die finanzielle Ausstattung des Ordens. Er sorgte dafür, dass sie großzügige finanzielle Zuwendungen erhielt. Eugen III. (1135-1145) führte eine Art steuerliche Abschreibungsmöglichkeit ein. Er ordnete an: Wer den Templern etwas spendete, dem wurde die „Kirchenbuße“, eine Vorform der Kirchensteuer, um ein Siebtel gesenkt. Papst Hadrian IV. (1154-1159) befreite die Tempelritter von der „Abgabe des Zehnten“ und von Zöllen. Alexander II. (1159-1181) schließlich verkündete, alle Güter des Ordens stünden von nun an bis in alle Ewigkeit unter dem Schutz des Vatikan. Innozenz III. (1198-1216) verlieh ihnen Immunität: Kein Angehöriger des Ordens durfte mehr exkommuniziert werden. Innozenz IV. (1243-1254) befreite sie von der Pflicht, sich gegenüber Bischöfen zu rechtfertigen. Templer unterstanden nur noch dem Ordensgroßmeister. Und der konnte nur vom Papst selbst zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Templer selbst organisierten ihre Gemeinschaft perfekt. Stets hatten sie dabei im Sinn, wie möglichst geschickt Macht und Reichtum des Ordens wuchsen. Es wurde viel Geld verdient. Und das auf eine Weise, die mit einer kirchlichen Ordensgemeinschaft herzlich wenig zu tun hat. Die Templer verfügten bald über üppige Ländereien, die untereinander durch gute Straßen verbunden waren. Auf diesen Wegen gewährten die Templer reisenden Händlern und Kaufleuten Schutz: gegen Bezahlung, natürlich.

Die Templer erwiesen sich zudem als gewiefte Finanzexperten. Bisher brachten Handelsgeschäfte, die von Händlern aus weit voneinander gelegenen Gebieten getätigt wurden, erhebliche Risiken mit sich. Kaufleute mussten oft mit erheblichen Mengen Bargelds unterwegs sein. Wenn der Handelsmann aus dem Gebirge direkt von einem Handelsschiff im Hafen Ware kaufen wollte, dann musste er bar bezahlen. Das wussten natürlich auch die straff organisierten Räuberbanden, die reisende Händler gern überfielen und ihnen die mitgeführten Säcke voller Münzgeld abnahmen. Die Templer führten den bargeldlosen Verkehr ein. Jetzt konnte der Handelsmann im Gebirge gegen Bargeld bei den Templern einen Wechselbrief kaufen. In der Hafenstadt wiederum löste er den Brief wieder gegen Bargeld ein und konnte so die Ware, die er benötigte, bar bezahlen.
Bald genossen die Templer einen ausgezeichneten Ruf als erfahrene Geldexperten. Lag es da nicht nahe, ihnen Geld anzuvertrauen, damit es sich mehre? Templer wurden also Banker. Und zwar mit exzellentem Ruf. Selbst das französische Königshaus baute auf das Geschick des Ordens und vertraute ihm seinen Goldschatz an. Der Orden arbeitete mit dem Geld. Er betrieb Kreditgeschäfte, kassierte Zinsen. Immer mehr Geld sammelte sich an. Es floss zurück in neue Geschäfte, wurde aber auch in Immobilien angelegt. Riesige Ländereien wurden gekauft.

Im 12. Jahrhundert wurde der Templerorden gegründet: als das Resultat klug durchdachter Machtpolitik. Die Kirche konnte zufrieden sein. Ein gefährliches Potenzial eines militanten Gegners war gebannt. Die Tempelritter dachten nun ganz bestimmt nicht mehr daran, sich auf die Seite von Aufwieglern zu schlagen und gegen die Kirche zu kämpfen. Die Templer akzeptierten, was man ihnen an Unterstützung bot und bauten eine mächtige Organisation auf, die so etwas wie ein eigener Staat im Staate wurde. Übersehen wird bei dieser historisch korrekten Erklärung des Templer-Phänomens freilich die verborgene, die esoterische Seite!