Das arabische Kalifat

Als die ersten Kreuzfahrer 1096 kleinasiatischen Boden betraten, bot die islamische Welt ein Bild der Auflösung. Durch die Eroberungspolitik der Kalifen, der ersten Nachfolger des Religionsstifters Mohammed, war zwischen 633 und 732 im Nahen Osten, in Mittelasien, Nordafrika und Spanien ein islamisches Riesenreich entstanden. Hierin lebten neben den eigentlichen Arabern viele andere "arabisierte" Völker. Der Anschluss an die islamische Staatsreligion verschaffte zwar verschiedene Vorrechte, doch waren auch Bekenntnisse wie das christliche oder jüdische, da es sich hierbei um "schriftbesitzende", d. h. um Religionen mit koranähnlichen heiligen Büchern handelte, in der Regel geduldet.

An der Spitze des Staates stand der Kalif, der im Gegensatz zu den europäischen Herrschern religiöses und weltliches Oberhaupt zugleich war. Wichtigste Machtorgane waren die aus Söldnern und Stammeskriegern bestehende Armee und die Beamtenschaft. Die herrschende Schicht, bestehend aus Großgrundbesitzern, hohen Offizieren und Beamten, Stammesführern, Großkaufleuten und dem hohen islamischen Klerus, entwickelte sich Schritt für Schritt zur Feudalklasse. Ihr stand die abhängige Bauernschaft gegenüber, die meist nur über wenig oder gar keinen eigenen Grund und Boden verfügte und durch ein hartes Steuer- und Pachtsystem ausgebeutet wurde. Wie im Byzantinischen Reich, aus dessen Besitz die arabischen Heerführer Nordafrika, Syrien und Palästina erobert hatten, so spielte auch im Kalifat die Sklaverei noch lange eine erhebliche Rolle. Durch die vielen Feldzüge waren zudem zahlreiche neue Sklaven erbeutet worden, die alle in der Landwirtschaft, im Bergbau, Bauwesen und im privaten Bereich der Oberschicht sowie als Leibwache des Kalifen eingesetzt wurden. Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Byzantinisches Reich bestand in der frühzeitigen Bedeutung des Städte, die an das altorientalisch-antike Städtewesen anknüpften. Sie waren der Sitz der Verwaltung, Zentren des Handwerks, des Handels und der Kultur. In ihnen lebten nicht nur die in der städtischen Wirtschaft Tätigen, sondern auch die Feudalherren. Die orientalischen Städte besaßen ganz andere Dimensionen und Einwohnerzahlen als die europäischen. Obwohl bis ins 11./12. Jahrhundert hinein gewisse Selbst- bestimmungsrechte durchaus vorhanden waren, spielten die Kalifatsstädte keine eigenständige politische Rolle.

Die günstige geographische Lage und die Ausdehnung des Reiches, verbunden mit einer leistungsfähigen eigenen Wirtschaft, verschafften den Kalifatsstädten eine einzigartige Position im Fernhandel. Für Westeuropa wurden vor allem Alexandria und die Städte an der syrisch-palästinensischen Mittelmeerküste bedeutsam. Bis ins 10./ 11..Jahrhundert lag aber die Vermittlung der orientalischen Produkte noch in den Händen der Byzantiner. Kaufleute aus den Kalifatsländern brachten Waren nach Konstantinopel, von wo aus sie den Weg in die europäischen Staaten antraten.
Nach den ersten vier Kalifen ging das Kalifat auf die Dynastie der Omaijaden mit dem Sitz in Damaskus über; deren Sturz führte im Jahre 750 die Abbasieden in Bagdad an die Macht. Die Kalifen vergaben an die Angehörigen der feudalen Oberschicht viele Rechte und Besitzungen. Die Emire, steigerten ihren Einfluss, während Machtstellung und Ein nahmen der Kalifen von Bagdad schwanden. Eine maßgebende politische Rolle spielten auch die Söldnertruppen. Wesentlichen Anteil am Verfall des Abbasiedenkalifats hatten zahlreiche Aufstände, die in vielen Gebieten des Riesenreiches unter Bauern, Sklaven, Handwerkern, Armen und unterdrückten Völkern ausbrachen. Auf dem Territorium des früheren Großreiches entstand eine An zahl selbständiger Staaten, die teilweise nicht einmal die nominelle Oberhoheit des Kalifen in Bagdad anerkannten. ( Spanien gewannen die Omaijaden. In Ägypten begründete im 9. Jahrhundert Achmad ibn Tulun ein selbständiges Regime ) Wichtiger jedoch wurden die Fatimiden, die 969 Ägypten eroberten. Sie führten ihre Abstammung auf die Tochter Mohammeds, Fatima, zurück. Bereits der Begründer der Dynastie, der Sektenführer Ubaidallah, lehnte die Autorität der abbasidischen Kalifen ab und nahm selbst den Kalifentitel an. Sitz des neuen Kalifats wurde das 969 gegründete Kairo. Ägypten war fortan Mittelpunkt des Fatimidenreiches, während in den westlichen Gebieten die Ziriten in Tunis, die Hammadiden in Algier und die Almoraviden in Marokko die Herrschaft übernahmen.

Die Fatimiden betrieben eine ausgedehnte Aggressionspolitik, die nicht nur weite Teile des Abbasidenkalifats, wie Syrien und Palästina in ihre Gewalt brachte, sondern - mittels einer das Mittelmeer beherrschenden Flotte - die Einverleibung von Sizilien, Korsika und Sardinien er- möglichte. Reformen festigten das Kairoer Kalifat im Innern und verschafften der Dynastie bis in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts die führende Stellung in der orientalischen Welt. Im 11. Jahrhundert begann jedoch der Verfall der Fatimidenherrschaft. Wesentlichen Anteil daran hatten die Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Feudalgruppen und Truppenverbänden. Im Jahre 1073 wurden die Kalifen praktisch entmachtet, als die Wesire, oberste Be amte des Reiches, alle Macht an sich rissen.
Ende des 11. Jahrhunderts entstand im fatimidischen Ägypten eine neue muslimische Sekte, die der Assassinen, die sich später in Persien, im Irak und in Nordwestsyrien ausbreitete. Gestützt auf gut zu verteidigende Burgen, errichteten sie in den von ihnen beherrschten Ge bieten ein Terrorregime. Die Sekte war streng hierarchisch aufgebaut, die Anhängerschaft zu blindem Gehorsam und Fanatismus erzogen. Der politisch-religiöse Mord gehörte zur Alltagspraxis; das machte die Assassinen zu gefürchteten Gegnern der umliegenden Staaten.

Auch der äußere Verfall des Fatimidenkalifats war bald offensichtlich. Die westlichen Gebiete konnten trotz aller Bemühungen nicht zurückerobert werden, Sizilien ging an die Normannen, Korsika und Sardinien an Pisa verloren. Die Oberhoheit über Syrien bröckelte angesichts der seldschukischen Angriffe ab. Das Vordringen der Seldschuken aus Mittelasien bedrohte das Kairoer Kalifat aufs schwerste. Sie hatten im 11. jahrhundert den Iran, Irak, Syrien, Palästina und fast ganz Kleinasien unterworfen und somit ein neues orientalisches Großreich geschaffen, an dessen Spitze die "Großseldschuken" standen, die eine direkte Herrschaft aber nur im Westiran und im Irak ausübten. Die übrigen Territorien wurden von Nebenlinien der Dynastie regiert, über die der "Großseldschuken" eine lose Oberhoheit besaß. Für die Kreuzzüge waren die Rum-Seldschuken (Nikaia, Ikonion) und die syrischen Seldschuken von Bedeutung. Mit der Eroberung von Bagdad fiel das Abhassidenkalifat in seldschukische Hände. Die Sieger erkannten den Kalifen als religiöses Oberhaupt an, wurden dafür als Sultane in den besetzten Gebieten legitimiert und erhielten die Unterstützung der islamischen Orthodoxie. Hauptstütze des neuen Eroberer-Staates war jedoch die Armee, die sich hauptsächlich aus Stammeskriegern und Söldner- Sklavenformationen zusammensetzte.

In den großen Städten lagen seldschukische Garnisonen. In den einzelnen Territorien gelangten Emire und Atabegs (Prinzenväter) an die Macht; letztere waren hohe Lehensträger der Sultane, die formell die Herrschaft für die unmündigen Prinzen führten. Zwischen den örtlichen Herrschern fanden ununterbrochen Rivalitätskämpfe statt. Trotzdem fördert die seldschukische Eroberung insgesamt die Stabilisierung des Feudalsystems in den betroffenen Gebieten.