Bericht aus dem Jahr 1118

Der Adjutant des Königs hatte die Ritter bis zum König geführt. Plötzlich stand Balduin, der König von Jerusalem vor ihnen. “Willkommen meine Freunde!” rief er mit ausgebreiteten Armen. Die Ritter beugten das Knie und küssten ihn zum Zeichen der Unterwerfung die Hand. Er hob sie auf und umarmte jeden einzelnen von ihnen herzlich, denn mit jedem war er näher oder entfernter verwandt.

“Unser christliches Königreich”, begann er, “umfasst Grafschaften und Fürstentümer. Darum scheint es auch groß. Aber immer sind wir im Süden vom ägyptischen Sultan, im Osten durch den Atebag von Damaskus und im Norden von den türkischen Seldschuken bedroht. Darum muss ich oft die Befestigungen an den Grenzen besichtigen. Sie müssen in Kriegsbereitschaft sein”. Er sah ihnen in die Gesichter, um zu erkennen, ob sie die gefährliche Lage dieses Reiches begriffen hatten. Die Männer nickten ernst.

Nun überbrachten sie ihm die Grüße des Abtes Bernhard von Clairvaux und erzählten ihm, wie das neu gegründete Kloster aussah. Sie unterhielten sich eine Weile. Dann begann der König noch einmal: “Eine andere Sache, liebe Freunde, müssen wir auch noch besprechen: Außer eurer geheimen Aufgabe solltet Ihr eine öffentliche Aufgabe haben, die das Volk begreift. Habt Ihr darüber schon nachgedacht?”

“O ja!” rief der Herr von St.-Omer mit seiner hellen Stimme lebhaft, und die Ritter schauten einander froh in die Augen. “Wir alle haben das Kriegshandwerk gelernt, wie ihr wißt. Nun geben wir unsere Schwerthand in euren Dienst. Nutzt sie, wie es Euch notwendig erscheint zum Heil des Heiligen Landes.” “Es soll fortan Mönchskrieger geben?” fragte der König lächelnd. “Habt Ihr das gut bedacht?” “Ich mache Euch einen Vorschlag”, sagte der König, “dass Ihr die Sicherung der Pilgerwege übernehmt, besonders die Straße nach Jaffa, auf der Ihr hergekommen seid. Immer wieder werden Pilger und Kaufleute von türkischen Reitertrupps überfallen, beraubt oder sogar niedergemacht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem dort kein Blut fließt.”

Dann kam der Sonntag heran, an dem die neun Herren ihre Mönchsgelübde ablegen wollten. Voll Neugier säumte das Christenvolk von Jerusalem die Gassen, als die Ritter zur Kirche zogen; denn die Kunde, dass es nun Krieger geben sollte, die Mönche waren, hatte sich rasch verbreitet.

Die neuen Ritter standen vor dem Altar. Ihre Linke hatten sie auf das Evangelienbuch gelegt, ihre Rechte hoben sie zum Schwur und gelobten den bedrohten Pilgern Schutz und Wehr. Dann legten sie die drei Mönchsgelübde – das der Armut, des Gehorsams und das der Keuschheit – in die Hand des Patriarchen von Jerusalem ab, und der Patriarch spendete ihnen den Segen. Nun wandten sie sich an die anwesenden Gläubigen und verkündeten ihnen den Wahlspruch, unter den sie ihr weiteres Leben stellen wollten. Feierlich sprachen sie die Worte: “Nichts für uns, Herr, nichts für uns; sondern alles zur Ehre deines Namens!”

Nachdem die Mönchsritter ihren Wahlspruch gesprochen hatten, nahmen sie ihre Edelsteinbesetzten Stirnbänder, Halsketten und Fingerringe ab und übergaben sie dem Almosenmeister des Königs. Schild und Schwert behielten sie aber. Über ihre Prunkgewänder warfen sie graue Kutten, die auf der Herzseite mit einem kleinen roten Kreuz gezeichnet waren.

Ehrfürchtig schweigend wichen die Gläubigen zur Seite und bildeten eine Gasse, als die neuen Mönchsritter die Kirche verließen. Zu Fuß gingen sie den Weg zurück zu ihrem Haus. Von da an nannten sie sich die ‘Armen Ritter Christi’; das Volk aber nahte sie nur Templer oder Tempelritter, weil sie auf dem Tempelplatz wohnten.”

Quelle: Lehmann,J. Die Kreuzfahrer + Ott,I. Das Geheimnis des Templerordens